Zum Inhalt springen

Das Ichts, oder: Hat Demokrit gelacht?

Die Bedeutung eines philosophischen Satzes hängt sehr oft von seiner Form ab – das heißt: von seinem präzisen Wortlaut, und mithin von der Tonlage oder dem Wortwitz, den er aufweist. Vom materialistischen Philosophen Demokrit, auch „der lachende Philosoph“ genannt, ist ein merkwürdiger Satz überliefert:

„Das Nichts existiert nicht mehr als das Ichts.“[1]

In der jüngsten philosophischen Forschung hat dieser Satz Aufsehen erregt und unter Hegelianern eine rege Debatte über das „Nichts“ sowie das „Weniger als Nichts“ (d. h. das „Ichts“, das entstand, als vom „Nichts“ die Negation abgezogen wurde) ausgelöst.[2]

Man kann diesen Satz so lesen, als ob er dem Nichts Existenz zuspräche. Dann würde Demokrit an dieser Stelle dem Parmenides widersprechen, der betont hatte, dass das Nichts nicht existiert. („Nichts ist nicht“ – „Kein zweiter Satz wird von der Göttin ihrem Adepten so eingeprägt wie dieser.“[3])

Seltsamerweise ist ein anderer Wortlaut von demselben Satz Demokrits überliefert, der diese Lesart nahelegt. Aristoteles gibt ihn in seiner Metaphysik nämlich einmal wie folgt wieder:

„ouden mallon to on tou me ontos einai“[4], wörtlich übersetzt:

„Das Seiende existiert nicht mehr als das Nichtseiende.“[5]

Was an dieser Formulierung auffällt ist, dass sie, im Gegensatz zur ersten Formulierung, völlig unpointiert ist. Es ist ein richtiger oder falscher, aber jedenfalls völlig unwitziger Satz.

Karl Vorländer, der in seiner Geschichte der Philosophie den Satz in diesem griechischen Wortlaut kolportiert, kommt dementsprechend auch zu dem Urteil über Demokrit, es scheine

„der Beiname des ‚lachenden Philosophen‘ auf den ernsten Gelehrten so wenig zu passen wie der des weinenden auf Heraklit“.[6]

Die erste Formulierung hingegen, „me mallon to den e to meden einai“, enthält einen beträchtlichen Wortwitz. Sie kreiert ein neues Wort; sie fabriziert einen Neologismus – das „Ichts“ („to den“). Man kann sich schwer vorstellen, dass Demokrit beim Formulieren dieser Pointe nicht zumindest ein wenig geschmunzelt haben muss.

Die Frage ist, was dies für die Interpretation seines Satzes bedeutet. Bleibt es bei einer behäbigen Feststellung, derzufolge zwei Dinge gleichermaßen existierten?

Oder handelt es sich nicht vielmehr um eine bewusst zugespitzte Absurdität, eine mise en abîme?

Wenn ich zum Beispiel sage, „Der Unhold existiert nicht mehr als der Hold“, dann will ich damit doch wohl ausdrücken, dass es den Unhold (für den es ein Wort gibt) ebensowenig in der Wirklichkeit gibt wie den Hold (für den ich ein Wort erfunden habe).

Umso mehr scheint dies bei Demokrit der Fall zu sein, da ja die Wendung „das Nichts“ selbst ebenfalls bereits in gewisser Weise ein Neologismus war; ähnlich wie das „Ichts“. Es war im Griechischen nicht wie in der modernen Philosophie selbstverständlich üblich, aus dem Nichts ein Substantiv zu machen.

Demokrits Satz würde also besagen, das eine, das selbst bereits ein Unding ist, existiert nicht mehr als das andere, das ganz offensichtlich ein Unding ist.

Demokrits Philosophie wäre keine Philosophie, die die Existenz des Nichts postuliert. Manche Philosophen wie zum Beispiel der Sophist Gorgias hatten dies gefordert, da ihnen sonst die Bewegung nicht erklärbar erschien. Ohne existierendes Nichts könne die Welt nur das starre Sein der Eleaten darstellen.

Demokrit aber scheint einen ganz anderen Weg eingeschlagen zu haben. Nach seiner Auffassung existieren nur die Atome und „das Leere“ („to kenon“).[7]Das Leere genügt ihm, um Bewegung erklärbar zu machen. Denn: „Ohne trennende Leere zwischen den Dingen kann es keine Bewegung geben, da sich kein Gegenstand an einen Ort bewegen kann, den bereits ein anderer innehat.“[8]

Das Leere aber ist etwas anderes als das Nichts. Das Leere ist nicht da, wo Nichts ist, sondern es ist da, wo etwas nicht ist.

Das Leere ist nach Auffassung der Atomisten auch nicht gleichursprünglich mit dem Seienden, den Atomen. Die Atome bilden sozusagen eine Grenze der Leere: „…gäbe es sie nicht, so wäre unendliche Teilung möglich, die, zu Ende gedacht, unendliche Leere voraussetzte, also Existenz überhaupt ausschlösse.“[9]Erst kommen die Atome, dann kommt das Leere. Das Leere beginnt erst da, wo die Atome aufhören. Es könnte auch alles voll sein (dann wäre die Welt wohl „eleatisch“). Aber nicht umgekehrt: das Leere kann nicht überall sein.

Als Materialismus kann man bei Demokrit also diese doppelte Aufstellung betrachten:

1. Das Nichts existiert nicht.
2. Das Leere ist nicht unendlich, es ist nicht ununterschieden von den Atomen, und es ist nicht gleichursprünglich mit ihnen.

Jacques Lacan scheint diese gegen jegliche Annahme von „Negativität“ gerichtete Position Demokrits erkannt zu haben, wenn er bemerkt, Demokrit [presents himself]

„as already the adversary of a pure function of negativity“.[10]

 

Robert Pfaller, 2019-12-05

 

 

[1] „me mallon to den e to meden einai“; auch wiedergegeben als: „Das Nichts existiert ebenso sehr wie das Ichts“;  DK B 156.

[2]S. dazu Slavoj Zizek: Less Than Nothing. Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism, London/New York: Verso, 2012: 58-60. In Zizek’s Interpretation vertrete Demokrit die Position der „existence of nothingness/the void“ sowie der „indistinction of being and the void“ (ebd. 60).

[3]Parmenides VS 28 B 6, 2.

[4]Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie, Bd. I: Altertum und Mittelalter, 8. Aufl., Leipzig: Meiner, 1939: 60. Obwohl der von ihm zitierte griechische Wortlaut dies nicht hergibt, übersetzt Vorländer den Satz ähnlich wie Diels/Kranz: »Das Nichts existiert ebensogut als das Ichts«. (siehe auch: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Vorländer,+Karl/Geschichte+der+Philosophie/Die+Philosophie+des+Altertums/Erste+Periode.+Vorsokratische+Philosophie/Kapitel+IV/§+9.+Demokrit )

[5]Aristoteles, Metaphysik A 4 985b 4.

[6]Vorländer, ebd.: 58.

[7]Siehe Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus, Bd. 1, Leipzig: Baedeker, 1902: 16.

[8]Geyer, Carl Friedrich, Die Vorsokratiker. Zur Einführung, Hamburg: Junius, 1995: 133. Geyer setzt (ebd.) allerdings „Nichtseiendes“ und „Leere[s]“ ohne weiteres gleich.

[9]Geyer ebd.: 133

[10]Jacques Lacan, The Four Fundamental Concepts of Psychoanalysis, transl. Alan Sheridan, London: Penguin 1979: 63f.

Ein Kommentar

  1. Heinz Hundsdorfer Heinz Hundsdorfer

    J. Lacan, L,Étourdit. In: ders., Autres Écrits, Paris 2001, p. 494:

    ‚Mais qu’on en rie, la langue que je sers s’y trouverait refaire le joke de Démocrite sur le mêden: à l’extraire par chute du mê de la (négation) du rien qui semble l’appeler, telle notre bande le fait d’elle-même à sa rescousse. Démocrite en effet nous fit cadeau de l’atomos du réel radical, à en élider le , mê mais dans sa subjonctivité, soit ce modal dont la demande refait la considération. Moyennant quoi le dén fut bien le passager clandestin dont le clam fait maintenant notre destin.‘

    ‚Sondern man lache darüber, die Sprache, die ich auftische, würde so Demokrits joke über das mêden noch mal machen, das es zu rufen scheint, so wie dies unsere Bande von selbst tut, zur eigenen Hilfe. Demokrit hat uns in der Tat den atomos geschenkt, das radikale Reale, sofern wir das >nicht<, das mê weglassen, jedoch in seinem Konjunktiv, bzw. In jenem Modus, dessen Betrachtung durch den Anspruch, der in ihm liegt, noch einmal vollzogen wird. Wodurch das dén sicher der blinde (clandestin) Passagier geworden ist, dessen clam (frz. Venusmuschel, to clam – hemmen, Hinweis d. Übersetzerin) jetzt unser Schicksal (destin)ausmacht.‘
    (Übers. J. Kasper In: A. Badiou, B. Cassin, Il n’y a pas de rapport sexuel, missverständlich mit ‚Es gibt keinen Geschlechtsverkehr‘ übersetzt, Zürich 2012, p. 15)
    Als ‚unsere Bande‘ („notre bande“ aus Lacans L’Étourdit, Text oben (1)) thematisiert Barbara Cassin in ihrem Buch ‚Jacques le Sophiste, Paris 2012‘ im Gefolge von Lacan die Psychoanalytiker (Sujets Supposés Savoir), die für ihre Nicht-Weisheit Geld zu verlangen pflegen, indem sie es den Nachfolgern des Naturphilosophen Demokritos aus Abdera gleichtun, des Schöpfers des ‚Ichts‘ aus dem ‚Nichts‘, die Sophisten Protagoras, Gorgias, und so will ich hinzufügen – darunter vielleicht auch eine weise Frau, Diotima, die Sokrates etwas über die Liebe erzählte, und die Hölderlin mit seinem Held Hyperion zusammenbrachte: Denn wer wäre so verrückt, zu einem Weisen zu gehen, um ihm seine Wahrheit abzukaufen? Nur eine sophistische, inhumane ‚Logik der Pflanzen‘ (Cassin) ermöglicht dem Analytiker, die Wiederkehr des verdrängten ‚hors sens‘ (Sinnlosen, Aussersinnlichen) zu erkennen, das als ‚ab-sens’, oder auch auch ‚sens-ab-sexe’ (Absenz) ein Loch in den Aristotelischen Bedeutungskosmos schlägt, der gerade in seiner Sinnträchtigkeit voller ‚non-sens‘ steckt. Demokrit lächelt uns an: Die Aufhebung der Negation des Nichts durch seine Wortneubildung des dén: Bestimmung des Signifikanten ohne Signifikat: ‚Den, le mot, qui n’en est pas un.‘ (B. Cassin, l.c.,p. 183): ‚Dén, das Wort, das nicht nur eins ist‘ – vielleicht eine bewusste oder unbewusste Anspielung der Autorin auf ‚Le sexe, qui n’en est pas un‘ (‚Das Geschlecht, das nicht eins ist’ von Luce Irigaray, Paris 1976 )? Dieses ‚Ichts‘ aus dem Nichts des lächelnden Demokritos ist wohl eines dieser Worte, die daran denken lassen, dass der Psychoanalytiker die ganze Wahrheit nicht sagen kann, weil es dafür nicht genügend Worte gibt (J. Lacan, Television, Weinheim 1988, p.61).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert