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Seminarfrage 5: Glück und Unglück

Ist das Glück nur die Abwesenheit von Unglück?

Oder ist Unglück die Abwesenheit von Glück?

Braucht man Unglück, um überhaupt Glück erleben zu können? Oder geht das auch ohne Unglück?

Braucht man Glück, um Unglück erleben zu können? Oder geht das auch ohne Glück?

Ist das eine sozusagen die notwendige „Kontrastfolie“ des anderen?

Und in welchem Verhältnis steht diese Auffassung zu Kants Begriff der „negativen Größen“?

Ein Kommentar

  1. Laura Henter Laura Henter

    Die Frage nach dem Verhältnis von Glück und Unglück lässt verstehen, dass sich diese beiden Zustände nicht durch die bloße Abwesenheit des jeweils anderen bedingen und verstehen lassen. Unglück ist nicht nur das Fehlen von Glück, sondern ein eigenständiger Zustand, der Schmerz, Mangel oder Frustration beinhalten kann. Glück wiederum geht über die Abwesenheit von Leid hinaus und bezeichnet vielmehr positive Erlebnisse wie Freude, Erfüllung oder Gelingen (Tatarkiewicz, 1976). Beiden Zuständen kommt somit eine eigene Realität zu und werden nicht nur als rein negativ oder komplementär definiert.

    Die Annahme, dass Glück nur im Gegensatz zu Unglück erlebt werden kann und Unglück nur vor dem Hintergrund von Glück verständlich und erfahrbar sei, ist naheliegend. Dies gilt jedoch nur für die Erfahrung des jeweiligen Zustandes und nicht für die Begriffe selbst. Der Kontrast beider Zustände kann die Wahrnehmung des einen im Gegensatz zum anderen verstärken, ist jedoch keine Voraussetzung für die Existenz von Glück oder Unglück (Guyer, 1992).

    Kant schafft mit seinem Begriff der „negativen Größen“ einen Rahmen, um dieses Verhältnis zu verstehen. In seinem Aufsatz von 1763 zeigt er, dass negative Größen keine bloße Abwesenheit sind, sondern reale Gegensätze, die wirksam sind und sich gegenseitig aufheben können, ohne einander logisch zu widersprechen (Kant, 1763). Wenn man dies nun auf Glück und Unglück überträgt bedeutet dies, dass Unglück keine reine Negation von Glück, sondern eine reale negative Größe ist, die eigenständig existiert und keine Bedingung braucht, um zu bestehen. Glück und Unglück gehen somit mehr oder weniger eine reale Opposition ein, in der beide Zustände unabhängig voneinander wirksam sind (Allison, 2004).

    Allison, Henry E. (2004): Kant’s Transcendental Idealism. New Haven: Yale University Press.
    Guyer, Paul (1992): Kant and the Experience of Freedom. Cambridge: Cambridge University Press.
    Kant, Immanuel (1763): Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen.
    Tatarkiewicz, Władysław (1976): Analysis of Happiness. Den Haag: Martinus Nijhoff.

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