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Seminarfrage 4: Elemente der Neugier zu Fragen des Atomismus

 

Gibt es einen Punkt im Vortrag von Mirt Komel oder auch insgesamt zum Thema „Nichts“, der Sie besonders interessiert und über den Sie gerne mehr erfahren würden? Formulieren Sie eine Frage dazu. Und versuchen Sie, anhand des Vortragstextes (sowie eventuell anderer Literatur) eine erste Antwort auf Ihre Frage als Hypothese zu formulieren.

5 Kommentare

  1. Linda G. Linda G.

    Wie kann aus struktureller Negativität, also „Nichts“, etwas werden? Wie unterscheidet sich strukturelle Negativität von dialektischer Negativität?

    Anhand genannter Beipiele im Seminar (Lacan, Althusser, Žižek) kann Negativität konstruktiv wirken, wenn innerhalb einer Struktur angeordnet wird. Innerhalb dieser Struktur können Lücken Effekte verursachen (Lacan, objet petit a). Bei Lacan und Žižek ist das Nichts in der Struktur produktiv und wirken direkt auf das Sein.
    Dialektische Negativität (Hegel) ist nicht auf eine Struktur, sondern ein Subjekt bezogen, das sich selbst konstruiert, diese Konstruktion negiert und sie neu setzt.

  2. Welche ontologische Funktion erfüllt das epikureische Clinamen innerhalb des atomistischen Systems, und in welchem Verhältnis steht diese Konzeption von Kontingenz zu modernen Konzepten objektiver Indetermination, etwa in der Quantenphysik?

    Das Clinamen bezeichnet bei Epikur eine minimale, ursachlose Abweichung der atomaren Bewegung, die den streng parallelen Fall der Atome unterbricht. Diese Abweichung ist weder räumlich noch zeitlich determinierbar und entzieht sich jeder kausalen Rückführung. Ihre ontologische Funktion besteht darin, die geschlossene Kausalität der Natur zu durchbrechen und damit sowohl Kollisionen der Atome als auch die Entstehung komplexer Strukturen – letztlich Weltbildung – überhaupt erst zu ermöglichen. Das Clinamen ist somit keine zufällige Störung innerhalb eines ansonsten deterministischen Systems, sondern eine notwendige Kontingenz, ohne die es kein System gäbe. Es ist kein Effekt, sondern eine Bedingung.
    Vergleicht man diese Struktur mit der modernen Quantenphysik, zeigen sich formale und begrifflichen Ähnlichkeiten. In der Quantenmechanik wird Indetermination nicht als epistemische Unkenntnis, sondern als objektives Moment der Natur verstanden. Max Born, einer der Väter der Quantenphysik, formulierte 1926 ausdrücklich, dass er den Determinismus auf atomarer Ebene aufgeben müsse: „I myself am inclined to give up determinism in the atomic world.“ (DARRIGOL, Olivier (1992): „From c-Numbers to q-Numbers: The Classical Analogy in the History of Quantum Theory.“ Berkeley:  University of California Press,  http://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft4t1nb2gv/) . Die quantenmechanischen Gesetze liefern keine eindeutigen Ereignisse, sondern Wahrscheinlichkeiten. Anton Zeilinger geht einen Schritt weiter und stellt die Kausalität an sich in Frage: „Die Welt ist offen, die Welt ist nicht verurteilt, ein deterministisch ablaufendes Uhrwerk zu sein.“ (ZEILINGER, Anton (2007) „Der Zufall als Notwendigkeit
    für eine offene Welt“. In: „Der Zufall als Notwendigkeit“, Band 132 der Serie „Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen über Einfluss und Wirkung des Zufalls“, Picus Verlag, Wien).
    Diese objektive Indetermination wird allerdings in der Quantenmechanik mathematisch formalisiert, etwa durch die Bornsche Wahrscheinlichkeitsinterpretation oder durch spontane Symmetriebrechung in der Quantenfeldtheorie, bei der ein symmetrischer Grundzustand mehrere mögliche Realisierungen zulässt, ohne dass eine eindeutige Ursache für die Wahl eines bestimmten Zustands angegeben werden kann. Entscheidend ist jedoch, dass diese Offenheit formal kontrolliert bleibt.
    Demgegenüber scheint sich das Clinamen jeder Formalisierung zu entziehen. Es ist kein probabilistisches Element innerhalb eines Gesetzes, sondern ein gesetzloser Bruch, der Gesetzlichkeit überhaupt erst ermöglicht. In diesem Sinn liegt seine philosophische Bedeutung weniger in einer physikalischen Vergleichbarkeit als in einer strukturellen Analogie: Sowohl das Clinamen als auch die quantenmechanische Indetermination markieren eine Grenze des klassischen Kausaldenkens. Während die Quantenphysik diese Grenze mathematisch beschreibt, setzt der epikureische Atomismus sie ontologisch.

  3. jonathan jonathan

    Die härteste Aufgabe auf der Suche nach dem „Nichts“ ist die ein vorzeitiges Ende der Suche zu finden. Ich zumindest habe es nicht geschafft. Was ich jedoch gefunden habe ist eine Vielzahl an Verbindungen zu Fragestellungen der Philosophie in Politik, Literatur, eigentlich gar aller Kulturwissenschaftlicher Felder (oder Fragen die Teil kulturwissenschaftlicher Forschung sein sollten). Damit möchte ich nur zu bedenken geben, dass meine Frage und Hypothese sehr allgemein formuliert sein könnten und sicherlich eines Beispiels bedürfen.
    Nach historischen Versuchen, die Menschen als eine Einheit auf der Welt zusammenzufassen, eine Einheit werden zu lassen, findet man eine Vielzahl an Grausamkeiten vor. So bekriegten sich Menschen über die Frage nach dem richtigen Glauben oder wer nun die wahre Identität hat.
    Aber auch ganz banale Fragen nach der richtigen Lebensführung und den Dingen die Lust bereiten bzw gesellschaftlich Lust bereiten dürfen sind brand aktuell. Sitze ich also in einer Bar und schaue bei einem Bier auf mein Handy, so errege ich weit weniger Irritation, als beim Lesen eines Buches anstatt der Beschäftigung mit meinem Smartphone. Was löst all diese Erregung und Hysterie aus?
    Elisabeth Bronfen stellt ihren Untersuchungen zur Hysterie voran, dass

    „wenn traditionelle Hysteriekonzeptionen nach wie vor am Viel-Lärm-um-nichts festhalten, so schlage ich vor, diese „Nichts“ und die flexiblen Selbstentwürfe ganz ernst zu nehmen und sie als eine Sprache aufzufassen, die es dem Subjekt erlaubt, sowohl persönliches als auch kulturelles Unbehagen zum Ausdruck zu bringen“ (Bronfen, 1998).

    Dieser Aussage stelle ich meine provisorische Frage nach:
    In Mirt Komels Vortrag zur Ästhetik von Videospielen beschlich mich der Eindruck, Komel schläge in seinen Ausführungen die von ihm genannten Videospiele als eine Art Therapie (oder therapeutische Erfahrung) vor. Dabei spielt das Erfahren des „Nichts“ als geschaffenen Raum eine zentrale Rolle. So wollte er dieses Nichts auch auf eine Nachfrage partout nicht näher beschreiben und verwies auf die eigene „experience of the game“.
    Intuitiv kam ich zu dem Schluss, dass ein Erfahren des Nichts für mich nur in Wahnsinn enden kann, weil wir doch durch unsere Überzeugungen (die unser Bewusstsein bilden) anerkennen müssen, dass Dinge in ihrer Existenz auch einen Sinn haben. Man könnte dieses Gebilde wohl auch mit Ideologie betiteln.
    Sucht man nun nach einem Ausweg aus dieser Ideologie, bietet es sich an anzunehmen, es gäbe gar nichts und alles sei nur eine eigene Einbildung. Dieser Kurzschluss, durch den man einen Versuch unternimmt, sich jeder Grundlage einer gewaltsamen Subjektivierung zu entziehen, ist nur verständlich, da er darauf zielt, sich des Unbehagens über sich selbst zu entledigen. Dabei stellt sich dann schon die Anschlussfrage, wie man sich der Hysterie über dieses Unbehagen entledgit, bevor die Sinnstrukturen zusammenbrechen und die destruktiven Schutzmechanismen unserer Psyche zu handeln beginnen. Diese Schutzmechanismen kann man wohl am besten mit Krieg verbildlichen.
    In einer Zeit, in der erbittert um Positionen des Bewaffnens und Kämpfens gestritten wird stelle ich mir also an vielen Punkten die Frage, wofür und wenn ja, was soll an welchen Frontlinien erkämpft bzw verteidigt werden?
    Es scheint so, als sei derzeit jeder noch ein wenig härter getroffen als der, der zuvor auf seine missliche Lage aufmerksam gemacht hat, was den logischen Schluss nach Wehrhaftigkeit nach sich zieht.
    Aber verdammt nochmal, gegen wen?
    Ist man also ernsthaft an einer Antwort auf diese Fragen interessiert, begibt man sich an philosophischen Überlegungen entlang in die Höhle der Psychonanalyse. Oder vielleicht könnte man sagen in die „Hölle des Realen“. Gerade weil es keinen Gott (mehr) gibt, der allein das Geheimnis unserer Existenz kennt und damit eine Antwort auf unsere Fragen bereithält, gibt es laut Zizek, der Lacan anführt

    „[E]ine Kluft, die den phantasmatischen Kern des Wesens des Subjekts für immer trennt von den vordergründigen Modi ihrer oder seiner symbolischen oder imaginären Identifikation. Es ist mir niemals möglich, den phnatasmatischen Kern meines Daseins gänzlich zu erfassen (im Sinne von symbolischer Integration). Wenn ich ihn zu sehr ansteure, wenn ich ihm zu Nahe komme, so passiert das, was Lacan „aphanisis“ (die Selbst-Auslöschung) des Subjekts nennt: Das Subjekt verliert seine symbolische Konsistenz und Verschwindet.“ (Zizek, 2008).

    Der Vorgang an den Frontlinien sollte also weniger wie ein Disput, als eine Frage verstanden werden. Die Frage lautet „Wer bin ich oder Was bin ich“ und wird bei unzureichender Beantwortung zur Not mit Gewalt aus der/dem Anderen herausgeprügelt, was mir nicht sehr lustvoll zu sein scheint.
    Anstatt hysterisch nach möglichen Antworten auf diese Frage zu suchen sollten wir wohl eher Erzählungen entwerfen, die uns ein geeignetes Bild von uns geben, mit dem wir unser aufgebrachtes Ich beruhigen können.

    [1] Bronfen, Elisabeth: Das verknotete Subjekt, Hysterie in der Moderne, Berlin: Verlag Volk und Welt, 1998: 17

    [2] Zizek, Slavoj: Der Ärger mit dem Realen (engl. Troubles with the Real), in: Linzer Augen, Band 3; Wien: Sonderzahl Verlagsgesellschaft, 2008: 49

  4. Laura Henter Laura Henter

    Welche Rolle spielen das Konzept des Nichts und der Leere in der Architektur und inwiefern lässt sich hier eine Brücke zu der philosophischen Vortellung von Sein und Nichtsein schlagen – welche Bedeutung kann dem Nichts als Gestaltungsmittel zukommen?

    In der Philosophie Demokrits wird das Nichts nicht als bloße Abwesenheit, sondern als notwendiges Medium verstanden, das die freie Bewegung der Atome ermöglicht. Nur durch die Leere, die einen Abstand zwischen den Atomen bildet, kann es zu Bewegung, Kollision und damit zur Entstehung aller Dinge kommen. Das Nichts fungiert also als aktiver Bestandteil der Existenz und ist Vorraussetzung für die Bildung der Welt und aller Dinge. Anders als bei Parmenides, der die Leere grundsätzlich abzulehnen scheint, schreibt Demokrit dem Nichts eine funktionale Rolle zu.

    Rem Koolhaas überträgt dieses Denken in den architektonischen und städtebaulichen Kontext. In seinen Arbeiten setzt er die Leere, das Nichts, als bewusstes architektonisches Mittel ein, wodurch auch bei ihm die Leere nicht negativ besetzt, sondern Voraussetzung für Bewegung, Offenheit und Entwicklung ist. Koolhaas definiert Räume durch die Abwesenheit des Gebauten, durch bewusst freigelassene Flächen, die er als „void“ oder „enabling fields“ bezeichnet. Diese leeren Räume sind keine inaktiven Flächen, sondern schaffen Spielraum für Bewegung, Nutzung und Interaktion. Ähnlich wie bei Demokrit die Atome nur durch die Leer frei agieren können, entfalten Nutzer, stätdische Funktionen und architektonische Prozesse ihre Wirkung durch die bewusste Einbeziehung der Abwesenheit des Gebauten.

  5. Laura Henter Laura Henter

    Welche Rolle spielen das Konzept des Nichts und der Leere in der Architektur und inwiefern lässt sich hier eine Brücke zu der philosophischen Vorstellung von Sein und Nichtsein schlagen – welche Bedeutung kann dem Nichts als Gestaltungsmittel zukommen?

    In der Philosophie Demokrits wird das Nichts nicht als bloße Abwesenheit, sondern als notwendiges Medium verstanden, das die freie Bewegung der Atome ermöglicht. Nur durch die Leere, die einen Abstand zwischen den Atomen schafft, kann es zu Bewegung, Kollision und damit der Entstehung aller Dinge kommen. Das Nichts fungiert also als aktiver Bestandteil der Existenz und ist Voraussetzung für die Bildung der Welt und aller Dinge. Anders als bei Parmenides, der die Leere grundsätzlich abzulehnen scheint, schreibt Demokrit dem Nichts eine funktionale, gestaltende Rolle zu.

    Koolhaas überträgt dieses Denken in den architektonischen und städtebaulichen Kontext. In seinen Arbeiten setzt er die Leere, das Nichts, als bewusstes architektonisches Mittel ein, wodurch auch bei ihm die Leere nicht negativ besetzt, sondern Voraussetzung für Bewegung, Offenheit und Entwicklung ist. Koolhaas definiert Räume durch die Abwesenheit des Gebauten, durch bewusst freigelassene Bereiche, die er als „void“ oder „enabling fields“ bezeichnet. Diese leeren Räume sind keine inaktiven Flächen, sondern schaffen Spielraum für Bewegung, Nutzung und Interaktion. Ähnliche wie bei Demokrit die Atome nur durch die Leere frei agieren können, entfalten Nutzer, städtische Funktionen und architektonische Prozesse ihre Wirkung durch die bewusste Einbeziehung der Abwesenheit des Gebauten.

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