Sigmund Freud bemerkt, der Krieg bewirke eine „Störung des bisher von uns festgehaltenen Verhältnisses zum Tode“ (Freud [1915b]: 341).
Unser bisheriges Verhältnis bestehe darin, dass wir zwar einerseits bewusst „vertreten, daß der Tod der natürliche Ausgang alles Lebens sei“; andererseits aber dazu neigen, den Tod „totzuschweigen“.
Dies entspreche dem Grundsatz „Im Unbewußten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt“ (Freud, ebd.: 341).
Durch diese Verleugnung (bewusste Anerkennung bei unbewusster Leugnung) werde das Leben „schal“ und „gehaltlos etwa wie ein amerikanischer Flirt“ (Freud, ebd. 343).
Was ändert der Krieg nun daran?
Zwingt er uns, „dem Tod seinen Platz in der Wirklichkeit einzuräumen“ (Freud, ebd.: 354)? Wie könnte das gehen, wo das Unbewusste doch keine Verneinung kennt (siehe Freud ebd.: 351) und darum den Tod gar nicht zur Kenntnis nehmen kann?
Oder befestigt der Krieg, im Gegenteil, unseren unbewussten Glauben an unsere Unsterblichkeit, indem er uns zwingt, „Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können“ (Freud, ebd.: 354)?
Wenn letzteres – worin besteht dann die vom Krieg bewirkte „Störung“ unseres Verhältnisses zum Tod?
Freud, Sigmund
[1915b] Zeitgemäßes über Krieg und Tod. In: ders., Gesammelte Werke, Bd. X, Frankfurt/M.: Fischer, 1999: 323–355

Seminarfrage 4: Worin besteht nach Freud die Verleugnung des Todes?
A: Zu Beginn des Textes (S.341) spricht Freud davon, dass der Krieg das bisher bestandenes Verhältnis zum Tode massiv stört und beeinflusst. Aber selbst vor dem Krieg beschreibt er das Verhältnis als „kein aufrichtiges“. Damit meint er das es eigentlich die natürliche Schlussfolgerung des Lebens ist und unausweichbar, doch selbst vor dem Krieg pflegten wir ein relativ gestörtes Verhältnis zum Tode: Der Tod wird im Leben beiseitegeschoben, insbesondere der eigene Tod, denn unbewusst ist jeder von uns von seiner eigenen Unsterblichkeit überzeugt. Man kann sich seinen eigenen Tod ja nicht vorstellen ohne die bereits erlebt zu haben.
1) Worin besteht den nun die Störung unseres Verhältnisses zum Tod durch den Krieg?
→ „Es ist evident, daß der Krieg diese koventionelle Behandlung des hinwegfegen muß. Der Tod lässt sich jetzt nicht mehr verleugnen; man muß an ihn glauben …. Es ist auch kein Zufall mehr.“ (S.344)
A: Durch den Krieg lässt sich der Tod nicht mehr verleugnen und wird außerdem über die Zeitspanne des Krieges ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens, da nicht mehr einzelne Personen „zufällig sterben“ sondern in Massen. Durch die Häufigkeit geht die Zufälligkeit scheinbar verloren. Dadurch wird für Freud das Leben aber auch wieder ein Stück weit interessanter. Außerdem müsse man die Beteiligten in 2 Gruppen unterteilen: 1. Die am Kampf Beteiligten und dort ihr Leben aufs Spiel setzten. 2. Die Zuhause geblieben die Krankheiten, Verletzungen und Hunger ausgesetzt sind. Über die erste Gruppe kann Freud jedoch wenig aussagen, da er zu wenig darüber weiß. Über die zweite Gruppe jedoch, zu der er auch selbst gehört, kann er sagen, dass sie darunter leidet, dass das bisherige Verhältnis zum Tode nicht mehr aufrechterhalten werden kann und sich aber dennoch kein neues Verhältnis vollständig bilden konnte. Es besteht daher eine Art Lähmung und Überwältigung. Deshalb bezieht er sich im darauffolgenden Text auf die unbewusste psychologische Prägung des Verhältnisses des Urmenschen zum Tod von dem wir uns laut ihm nicht vollständig trennen können (S. 344-345).
→ „Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzweiung ein greift. Er streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zürn Vorschein kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können; …“ (S.354)
Fazit: Der Krieg macht den Tod scheinbar unausweichlich und er wird ein großer Teil der alltäglichen Lebensrealität. Die vorherige Illusion der eigenen Unsterblichkeit und auch der Zufälligkeit des Todes wird zerstört. Der Tod kann nicht mehr ignoriert und auch nicht mehr „totgeschwiegen“ werden.
2) Zwingt er uns, „dem Tod seinen Platz in der Wirklichkeit einzuräumen“ (Freud, ebd.: 354)? Wie könnte das gehen, wo das Unbewusste doch keine Verneinung kennt (siehe Freud ebd.: 351) und darum den Tod gar nicht zur Kenntnis nehmen kann? Oder befestigt der Krieg, im Gegenteil, unseren unbewussten Glauben an unsere Unsterblichkeit, indem er uns zwingt, „Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können“ (Freud, ebd.: 354)?
→ „Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll; er rät uns, uns über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen.“ (S.354)
A: Ja, laut Freud zwingt der Krieg die Menschen dazu, den Tod als unausweichliche Realität anzuerkennen. Der Tod wird zu einem alltäglichen und massenhaften Phänomen, das nicht mehr ignoriert und „totgeschwiegen“ werden kann (S.344). Dennoch bewirkt der Krieg auch etwas Gegenteiliges, nämlich dass vermeintliche Helden nicht an ihren eigenen Tod glauben können, denn der Krieg braucht dieses heldenhafte Verhalten das den eigenen Tod leugnet um überhaupt funktionieren zu können. Außerdem dient das Feindbild auch dazu das die eigne Sterblichkeit ignoriert wird, da der Tod auf die Feinde verschoben wird und so für diese herbeigewünscht und herbeigeführt wird. Und so wird selbst der Tod von Geliebten und Angehörigen rationalisiert und verdrängt (S. 354).
→ „Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder einmal über unseren Stand gelebt haben, und vielmehr um kehren und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewußte Ein stellung zum Tode, die wir bisher so sorgfaltig unterdrückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren?“ (S.354)
A: Freud ist daher auch der Ansicht, dass sie bisherige Verdängung des Todes nun aufgeben werden muss. Stattdessen muss der Tod als Realität anerkannt werden und die im Unbewussten stattfindende Verleugnung des Todes muss anerkannt und bewusst gemacht werden (S. 354-355).
Fazit: Nach Freud zwingt der Tod die Menschen dazu ihn anzuerkennen, aber nicht zur Gänze. Einerseits wird er massenhaft wahrgenommen und als unausweichlich erlebt (S.344) Anderseits wird durch den Krieg auch eine Abwehrhaltung eingenommen, die dazu führt, dass der Tod nicht akzeptiert wird, denn das Unbewusste kennt keine Verneinung und kann den Tod deshalb auch nicht als endgültig begreifen (S. 351). Deshalb bleibt die Illusion der Unsterblichkeit und die Verdängung des Todes weiterhin erhalten (S. 354).
Freud, Sigmund (1915). Zeitgemäßes über Krieg und Tod. In: ders., Gesammelte Werke, Bd. X, Frankfurt/M.: Fischer, 1999: 323–355