Sigmund Freud bemerkt interessanterweise, dass die „primitiven Völker“ mehr Hemmung und Scham empfinden, was das Töten von Feinden betrifft als die „Kulturmenschen“. Er schreibt:
„Der Wilde – Australier, Buschmann, Feuerländer – ist keineswegs ein reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berühren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen gesühnt hat.“ (Freud [1915c]: 349)
Wenn das richtig ist – warum sind wir weniger gehemmt? Was verrät das über unsere „Kulturauflagerungen“ (Freud, ebd.: 354)?
Und warum kann Freud in der Folge behaupten, die Veränderung, die der Krieg bewirkt, bestehte in darin, dass wir den „Primitiven“ ähnlicher werden? Freud schreibt ja,
„[Der Krieg] streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen.“ (Freud, ebd. 354)
Inwiefern stimmt das mit seinem Befund überein, dass die „Wilden“ gegenüber dem Töten gehemmter sind als wir?
Setzt Freud hier unbemerkt zwei verschiedene, einander widersprechende Begriffe von den „Urmenschen“ und „Wilden“ voraus? Oder lässt sich dieser Widerspruch innerhalb ein und desselben Begriffs auflösen?
Freud, Sigmund
[1915b] Zeitgemäßes über Krieg und Tod. In: ders., Gesammelte Werke, Bd. X, Frankfurt/M.: Fischer, 1999: 323–355
