Was muss man bereits haben, um wie Max Stirner „seine Sache auf Nichts stellen“ zu können?
Geht das so einfach aus dem Nichts?
Oder braucht man dafür bestimmte Ressourcen – wie z. B. philosophische Bildung, kluge Gesprächspartner, ähnlich gesinnte Freunde, eine bestimmte historische Situation, eine bestimmte Klassenzugehörigkeit etc.?
Und hat Stirner das überhaupt geschafft? Oder hängt er eben nur an etwas anderem als an jenen Dingen, Programmen und Institutionen, die er für nichtig erklärt?
(Bitte um Beantwortung unter Bezugnahme auf Stirners Text, eventuell im Vergleich mit anderen Texten, mit korrekten Literaturangaben.)

Die bekannte Formel, seine Sache „auf Nichts zu stellen“, stammt aus Der Einzige und sein Eigentum (1844) von Max Stirner. Gemeint ist damit allerdings nicht einfach ein leeres „Nichts“, sondern die radikale Ablehnung aller festen Vorgaben wie Gott, Moral oder Staat. Der „Einzige“ soll sich nicht auf etwas Vorgegebene stützen, sondern nur auf sich selbst. Stirners berühmter Satz „Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt“ bringt genau diese Haltung auf den Punkt.
Allerdings wirkt es bei näherem Hinsehen fraglich, ob man diese Position wirklich einfach so einnehmen kann. Stirners Meinung und Aussage ist hierbei eine Reaktion auf die Philosophie seiner Zeit. Besonders richtet er sich gegen den Idealismus (wie etwa bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel) und gegen die Religionskritik der Junghegelianer wie Ludwig Feuerbach. Ohne diese Auseinandersetzung wäre seine radikale Kritik an „heiligen“ Begriffen kaum denkbar. Das zeigt eigentlich, dass seine Position bereits bestimmte Voraussetzungen hat.
Man kann daher sagen, dass es gewisse Bedingungen braucht, um „seine Sache auf Nichts zu stellen“. Erstens scheint eine gewisse philosophische Bildung notwenig zu sein, um überhaupt zu erkenn, was Stirner kritisiert, nämliche abstrakte Begriffe wie „Menschheit“ oder „Moral“, die er als bloße „Spukgestalten“ versteht. Zweitens spielt auch der historische Kontext eine Rolle. Stirners Denken setzt eine Zeit voraus, in der traditionelle religiöse und gesellschaftliche Sicherheiten bereits ins Wanken geraten sind. Drittens ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass er sich in einem intellektuellen Umfeld bewegt, in dem solche Fragen diskutiert wurden.
Gleichzeitig will Stirner gerade zeigen, dass der „Einzige“ keine besonderen Voraussetzungen braucht. In seinem Sinne ist jeder Mensch bereits der „Einzige“, sofern er sich nicht mehr an fremde Vorgaben bindet. Trotzdem bleibt hier die Frage bestehen, ob diese völlige Unabhängigkeit wirklich erreichbar ist.
Genau hier setzt auch die Kritik an. Karl Marx und Friedrich Engels werden Stirner in Die deutsche Ideologie (1845/46) vor, dass er die gesellschaftlichen Bedingungen des Individuums unterschätzt. Auch wenn man sich innerlich von Normen löst, bleibt man ja weiterhin in sozialen Verhältnissen eingebunden. Ähnlich betont Jean-Paul Sartre, dass der Mensch immer schon in eine Welt mit anderen Menschen gestellt ist und sich nicht vollständig von ihr lösen kann.
Vor diesem Hintergrund wirkt Stirners eigene Position etwas widersprüchlich. Einerseits lehnt er alle festen Bindungen ab, andererseits scheint er selbst am „einzigen“ festzuhalten. Man könnte also sagen, dass er nicht wirklich alles hinter sich lässt, sondern nur eine neue Form der Orientierung setzt, nämlich die radikale Selbstbezüglichkeit des Individuums.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Stirners Idee radikal und philosophisch spannend ist, aber sie nicht völlig voraussetzungslos und wahrscheinlich auch nicht vollständig umsetzbar ist. Gerade diese Spannung macht seine Position aber interessant, weil sie grundlegende Selbstverständlichkeiten infrage stellt.
Quellen:
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum. Leipzig 1844.
Marx, Karl / Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. 1845/46.
Sartre, Jean-Paul: L’Etre et le néant. Paris 1943.
Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. 1841.